Buttern auf dem Hof

Ein Alltagsritual vergangener Zeiten

 

Der Hof liegt noch im Schlaf, eingehüllt von der Stille der Berge. Es ist früh am Morgen, aber im Stall hat der Tag schon längst begonnen. Es riecht nach Heu, feuchtem Holz und frisch gemolkener Milch. Die Kühe kauen behäbig, und eine dünne Rauchsäule steigt im gräulichen Morgendunst in den Himmel. 

 

In der Küche brennt das Feuer schon eine Weile

In der Küche brennt das Feuer schon eine Weile. Hitzeflimmer tanzen an den Steinwänden und spiegeln sich auf den Gesichtern der beiden Frauen wider. Die jüngere zeigt sich tatkräftig: Sie krempelt die Ärmel hoch, richtet ihre Schürze und geht zur Sache an wie es nur jemand tut, der jeden Handgriff und den zeitlichen Ablauf bestens kennt. Die andere sitzt neben dem Ofen und schaut zu. Ihre Augen haben die Farbe des Winters, aber darin schimmert auch die Geduld einer Frau, die Generationen von Kindern und Ernten wachsen gesehen hat. 

Foto: Maria Corn Jòckln e Maria Corn fu Antonio al lavoro per fare il burro, località Auserpèrg  a Fierozzo, 1960 – 1970 | © Arkif BKI, fondo Günther Thien
© Istituto Culturale Mocheno - Thien Günther
© Thien Günther - Istituto Culturale Mocheno

Maria Corn Jöckln ist bei der Arbeit

Maria Corn Jöckln bewegt den Stößer des Butterfasses im gleichmäßigen Rhythmus auf und ab. Allmählich wird die weiße, lauwarme Sahne zu Butter, zu häuslichem Gold. Jeder Stoß ist ein Akt des Glaubens: beseelt von der Hoffnung, dass bei aller Mühe etwas Gutes, Konkretes, Lebensnotwendiges herauskommt. 

Am Ofen ruht Maria Corn, Tochter des verstorbenen Antonio, ein wenig. Ihre Hände zittern fast unmerklich, ihr Blick bleibt wachsam. Jahrelang hat sie den Hof geführt, wenn die Männer im Wald waren oder sogar weit entfernt einer Saisonarbeit nachgingen. Jetzt ist die junge Frau an der Reihe

Es bedarf nicht vieler Worte.

 

Die Luft ist erfüllt von Düften

Die Luft ist erfüllt von Düften. Der Geruch von sich verdickender Milch, vom Rauch des Holzfeuers, vom heißen Eisen des Ofens. Auf dem Regal steht schon das nächste Gefäß Sahne bereit. Ein durch das Fenster einfallender Lichtstrahl durchschneidet den Raum, ein Versprechen des anbrechenden Tages. Draußen liegt Florutz noch im Morgengrauen. Nur das ferne Krähen eines Hahns erinnert daran, dass das Leben auch hier oben seinen Lauf nimmt.

Maria lächelt. Die Butter beginnt, sich von der Buttermilch zu trennen. Sie nimmt sie heraus, so behutsam als hielte sie einen kostbaren Schatz. Unter ihren Handbewegungen verfestigt sich die goldgelbe Masse, um dann in die geschnitzte Holzform gedrückt zu werden, mit alten, von Müttern und Großmüttern überlieferten Gesten. Die ältere Frau nickt zufrieden.

Buttern auf dem Berghof – ein Alltagsritual vergangener Zeiten

Der Moment ist einfach, kaum wahrnehmbar

Der Moment ist einfach, kaum wahrnehmbar, aber er enthält alles: das Überleben, das überlieferte Wissen, die Würde der weiblichen Arbeit auf den Bergbauernhöfen. Zwei Frauen, umgeben nur vom Knistern des Feuers und vom leisen Gesang des brennenden Holzes.

Draußen geht der Wind durch die Lärchen und der Rauch verflüchtigt sich hoch im Himmel. Drinnen pausieren die beiden Frauen einen Augenblick. Die Jüngere stellt das Butterfass beiseite, die andere nimmt ihr Kopftuch ab und fährt sich mit der Hand durch das graue Haar. 

Diese kleine Geste reflektiert eine sich wandelnde Welt: die Modernität bewegt sich bergwärts, die Kinder gehen talwärts zur Ausbildung, und die hiesige, von bedächtigen Handgriffen und geteilter Stille geprägte Lebensweise stirbt langsam aus. 

Das Bersntol

Zwischen Mythos und Realität
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Veröffentlicht am 29/12/2025