Die Koskrötn im Bersntol

In der Bersntoler Gemeinschaft ist das Erwachsenwerden ein kollektives Ritual, an dem das gesamte Tal teilnimmt

Die Koskrötn sind die Jugendlichen, die im laufenden Jahr achtzehn werden.

Der Begriff leitet sich von Coscritti (= Einberufene) ab, denn früher hatte diese Tradition mit der Wehrpflicht zu tun und war eine Art Feuerprobe für Männlichkeit und Mut. Heute lebt sie als allgemeine Jugendweihe und Eintritt in die Gemeinschaft weiter. Der militärische Hintergrund ist weggefallen, der Sinn eines Übergangsrituals bleibt bestehen.

Jahreszeiten und Lebensabschnitte

Das Jahr, in dem man Koskrötn ist, markiert den Übergang von der Jugend zum Erwachsensein, mit der damit verbundenen Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft und sich selbst. 

Da die Koskrötn nun nicht nur das Alter für den Militärdienst erreichen, sondern auch als heiratsfähig gelten, sind übers Jahr viele Gelegenheiten vorgesehen, Mädchen zu treffen, zu tanzen, beisammen zu sein, zu reden und zu flirten. Einige dieser Traditionen, wie die Spàcada und die Serenaden, haben heute an Bedeutung verloren, und oft beteiligen sich auch die Mädchen an den verschiedenen Anlässen und Festen, und tragen oft sogar den Krònz genannten Hut der Koskrötn. 

Das ganze Jahr steht im Zeichen eines bestimmten Moments im Leben, und die Rituale stehen dafür, sich in den Lauf der Jahreszeiten und in den größeren Lebenszyklus der Familie und der Gemeinschaft einzufügen. Während des Jahres gibt es mehrere Anlässe, bei denen eine Art Übergabe der Koskrötn des Vorjahres an ihre Nachfolger stattfindet. So bekräftigt die Gemeinschaft, dass sie fortan als Erwachsene handeln werden, und fördert den zwischengeschlechtlichen Kontakt, auch mit Serenaden, Tänzen und einer neuen Wertschätzung durch das gesamte soziale Umfeld.

Im Bersntol wird die Jugendweihe der Koskrötn ein Jahr lang von Ritualen und Traditionen begleitet

Herbst und Winter: die Vorbereitung

  • November – Die Fertigung des Krònz: Als Auftakt wird der Krònz hergestellt, der typische Kopfschmuck der Koskrötn. Der Krònz ist ein aufwendig zusammengestellter Hut, der oft bei lokalen Handwerkern in Auftrag gegeben oder mit Hilfe der Paten gebastelt wird. Es ist ein wahres Prestigeobjekt, und daher reich verziert mit Perlen, kleinen Spiegeln, Feldblumen und – was nicht fehlen darf – mit einer prächtigen Birkhuhnfeder.

  • Dezember – Der Ritus des Gesangs: Die Koskrötn beginnen mit den Singproben für das Canta de la Stela. Es ist mehr als einfach nur Musikmachen, sondern hat die Funktion eines Andachtsdiensts. Zu Weihnachten markiert die offizielle Präsentation in der Kirche das öffentliche Debüt. Das nach Abschluss der Vesper gesungene Lied „L’unico figlio dell’eterno Padre“ (Der einzige Sohn des ewigen Vaters) ist ein symbolischer Aufruf an die gesamte Gemeinde: Die neuen Hüter der Tradition sind bereit.

  • 31. Dezember – Der Vorabend des Übergangsrituals: In Palù beginnt die erste Runde des Canta de la Stela. In Florutz treffen sich die Koskrötn zum Abendessen und einem Moment der Brüderlichkeit. Dabei wird der Krònz noch nicht getragen, denn die Jugendlichen befinden sich noch auf halbem Weg zwischen Alt und Neu.

Im Bersntol wird die Jugendweihe der Koskrötn ein Jahr lang von Ritualen und Traditionen begleitet

Der Krònz, der Hut der Koskrötn

Der Krònz ist viel mehr als ein schmuckes Accessoire, nämlich ein echtes Symbol für den Stolz und die Identität der Jugendlichen im Fersental.

Die Herstellung des Krònz ist eine traditionelle Kunst, die Präzision und etwa einen Monat Handarbeit erfordert. Früher war es die Aufgabe des Paten, für den Hut seines Patensohns zu sorgen.

  • Die Grundlage: Der Unterbau ist ein dunkler Filzhut, auf dem eine reichhaltige Verzierung befestigt wird, normalerweise auf der rechten Seite.
  • Der Schmuck: Der Hutschmuck ist ein Mosaik aus bunten und glitzernden kleinen Bestandteilen: farbige Glasperlen und kleine Spiegelstücke, die das Licht reflektieren und so symbolisch negative Einflüsse vertreiben, getrocknete Blümchen (die nicht welken), goldene oder silberne Metallfolie und sogar Glasfasern. Jede Verzierung ist auf winzigen, handgefertigten Drahtfedern befestigt, so dass bei jedem Schritt alles schwungvoll hüpft.
  • Die Birkhuhnfeder: Sie stellt den wertvollsten und auffälligsten Schmuck auf dem Hut dar. Die gebogene Schwanzfeder dieses seltenen Bergvogels krönt den Hut und symbolisiert Stolz und Mut. Da das Birkhuhn heute geschützt ist und nicht mehr gejagt werden darf, werden die Federn in der Regel gekauft.
Im Bersntol wird die Jugendweihe der Koskrötn ein Jahr lang von Ritualen und Traditionen begleitet

Januar: Der Eintritt in die Welt der Erwachsenen

  • Silvester in Palai: Nach Mitternacht singen die „neuen“ Koskrötn des gerade begonnenen Jahres, begleitet von ihren Vorgängern und Paten, ihre an die Mädchen des Dorfs gerichteten Serenaden. Eine Art allgemeine, öffentlichen Umwerbung. Aber dieser Brauch verliert zunehmend an Bedeutung.
    Der Morgen des ersten Januars ist der „große Tag“ gekommen: Zum ersten Mal tragen die Koskrötn den Krònz, zusammen mit dem Tuch ihres Einzugs als „Wehrpflichtige“.

  • Übergabe: Vor der Kirche findet ein kleines Ritual der Achtungsbezeugung statt, das eine große symbolische Wirkung hat: Die neuen Koskrötn schenken den „Vorgängern“ Zigarren – eine Stabübergabe, die ihren neuen Status unterstreicht.

  • Die Spacàda: Diese Tradition ist Ausdruck der gegenseitigen sozialen und emotionalen Anerkennung. Heute ist es seltener geworden, aber früher tauschten Jungen und Mädchen selbstgemachte Geschenke (wie Pullover und Blusen) aus. Man präsentierte sich paarweise und eingehakt vor der Kirche; der Junge wurde dann zum Mittagessen ins Haus des Mädchens eingeladen, als Überleitung zum Tanz am Nachmittag. Während des Jahres gab es immer wieder solche Momente.

  • Vorabend des 6. Januars und Dreikönig: zu diesen Anlässen wiederholt sich Die Tradition der Serenaden und die Jugendlichen erhalten Geschenke (oft Zigaretten oder kleine Geldbeträge). Der Dreikönigstag stellt den Abschluss der Festtage dar, mit dem letzten Rundgang der Sternsinger und dem Lied „Noi siamo i tre Re“ (Wir sind die drei Könige).

  • Die Almosensammlung: Am 6. Januar schließen sich die kleineren Kinder dem Umzug an und bitten um Weißbrot für die Seelen der Verstorbenen. Damit wird die Verbindung zwischen den Lebenden (den Koskrötn) und ihren Vorfahren unterstrichen. Alles endet mit dem Abendessen der Stèlari, bei dem die neuen Koskrötn offiziell den Stern übernehmen, der symbolisch auch für ihre Verpflichtung für das neue Jahr steht. 

Im Bersntol wird die Jugendweihe der Koskrötn ein Jahr lang von Ritualen und Traditionen begleitet

Der Karneval und die Koskrötn

Vom Dreikönigstag bis Faschingsdienstag dauert im Tal die Karnevalszeit, die größte Freiheiten und sozialen Austausch verspricht.

  • Die Karnevalsfiguren: Die Koskrötn wählen unter sich diejenigen aus, die die ikonischen Gestalten verkörpern werden: Il Bécio und la Bécia sind die „Alten“, die für die vergehende Zeit und Fruchtbarkeit stehen, und der Oertrogar (der Eierträger) trägt die früher bei den Straßenhändlern des Bersntols übliche, typische Rückentrage oder Kraxe (kraks).
  • Der Besuch auf den Berghöfen: Der Wanderumzug stattet den Berghöfen Besuch ab. Der Faschingsmontag (Vressar mata) ist den Frauen gewidmet; die jungen Männer besuchen die Häuser der „heiratsfähigen“ Mädchen und bestellen Kuchen, die sie dann am nächsten Tag abholen. Zudem werden jetzt Anekdoten und kleine Skandalgeschichten gesammelt, um sie dann im „Testamento del Carnevale“ (Karnevalstestament) scherzhaft zum Besten zu geben.
  • Faschingsdienstag: Dieser Tag stellt der Höhepunkt des Karnevals dar. Begleitet von Musikern ziehen die Koskrötn von Hof zu Hof. Hier führen sie rituelle Handlungen aus, wie die symbolische Aussaat (Sägemehl wird vor der Haustür verstreut), das Vorlesen aus den „Testamenten“ und das Pfannenwerfen: das laute Scheppern soll den Winter und die bösen Geister vertreiben.

Der Abschluss des Zyklus: Ostern

Nach der Ausgelassenheit der Karnevalszeit findet das Jahr der Koskrötn nun einen Moment andächtiger religiöser Feierlichkeit.

Der Krònz wird während der gesamten Fastenzeit weggelegt, um während der Ostermesse ein letztes Mal getragen zu werden. Es ist die endgültige Weihe: der junge Bursche ist nun ein Mann, und bereit, sich hier im Tal seine Zukunft aufzubauen.

Im Bersntol wird die Jugendweihe der Koskrötn ein Jahr lang von Ritualen und Traditionen begleitet

Das Bersntol

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Veröffentlicht am 30/01/2026